Die Krux mit der Anonymität im Netz
Von Dr. Christoph Herrlich am 30.03.2012 um 10:49 | Social Media

Das Internet und die sozialen Medien haben neue Formen der Kommunikation geschaffen, die vormals weitgehend unbekannt waren. Hierzu gehört, dass ein großer Teil der publizierten Meinungen nicht mehr namentlich veröffentlicht werden, sondern in Form anonymer Blogkommentare und Forenbeiträge erscheinen. Es ist eine anonyme Posting-Kultur im Netz entstanden, deren kommunikative Kraft sehr ernst zu nehmen ist.

Die Anonymität im Netz – Segen und Fluch zugleich

Sucht man nach den Vorteilen des anonymen Meinungsaustauschs im Netz, wird man schnell fündig: Die Gedankenwelt der Netzgemeinde wird zeitnah und ungefiltert sichtbar, die wertvollen Räume der Meinungsfreiheit sind mit vielfältiger Kommunikation erfreulich gut gefüllt. Anonyme Person im InternetIn autokratischen Staaten ohne Meinungsfreiheit kann man sogar von einer epochalen Errungenschaft sprechen, da bislang unterdrückte Meinungen erstmals online zum Vorschein gebracht werden und sich zur politischen Kraft formieren können.

Leider kann diese Segnung des Internets zugleich auch ein Fluch sein. Denn im Netz publizierte Meinungen beziehen sich oftmals auf konkrete Personen oder Personengruppen und gleiten im Schutz der Anonymität häufig ins respektlose ab. Dies ist in den n:n-Kommunikationsräumen der Online-Welt durchaus ein Problem, da hier jede Äußerung aufgrund ihres Sendungspotentials von beliebig vielen Menschen gelesen werden kann. Der mögliche Schaden für den oder die respektlos Behandelten ist entsprechend groß und im Vorfeld nicht eingrenzbar.

Dies zeigt sich besonders deutlich am Beispiel einer Kandidatin für den Bundesvorstand der netzfreundlichen Piratenpartei: Julia Schramm stand – als im Netz sehr sichtbare Person – kurz davor, entnervt das politische Handtuch zu werfen, weil sie den „Dauerbeschuss“ durch respektlose und anonyme Netzkommunikation nicht mehr aushielt. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, wenn Bundestagspräsident Norbert Lammert in diesen Tagen seine mahnende Stimme erhebt: “Wir beobachten im Internet an vielen Stellen eine Art der Auseinandersetzung, die in Aggressivität, Wortwahl und Tonlage die Grenzen überschreitet”.

Eine zu prüfende Alternative: Meinungsplattformen mit authentischen Nutzerprofilen

Angesichts dieser durchaus bedenklichen Entwicklung der anonymen Meinungskultur im Internet könnten sich Blogger und Betreiber von Content-Plattformen, die ihren Lesern einen anonymen Rückkanal eröffnen, einmal folgende Frage stellen: Wird in den Meinungsäußerungen, die anonym unter dem Dach meiner Marke getätigt werden, das aus Markensicht wünschenswerte Maß an zwischenmenschlichem Respekt gewahrt?

Wo immer dies der Fall ist, wird die durch anonyme Posts betätigte Meinungsfreiheit sicherlich geeignet sein, den Markenwert einer Meinungsplattform zu steigern und die Netzkommunikation insgesamt zu bereichern. Sollte dies jedoch zweifelhaft sein, könnte die Frage nach dem Klarnamen der Meinungsträger eine Lösung sein, um diese – ggf. eingeschränkt – auch zu veröffentlichen. Denn ohne den Schutz der Anonymität würde mancher seine Meinung über andere womöglich wieder so verantwortlich und respektvoll formulieren, wie er selbst gerne behandelt werden möchte.

So legitim, bereichernd und in Staaten ohne Meinungsfreiheit essentiell anonyme Meinungsäußerungen auch sind: Der Austausch auf der Basis authentischer Nutzerprofile, wie er etwa in mancher Experten-Community stattfindet, hat ebenfalls einige Vorteile, eine tendenziell respektvollere Kommunikation eingeschlossen.

 

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