Berufserfahrene – zu alt für Social Media?

In fast jeder Stellenanzeige findet man den Punkt „Berufserfahrung erforderlich bzw. erwünscht“. Berufserfahrung ist also einer der wichtigsten Kriterien für Unternehmen. Trotzdem wird die Gruppe der Berufserfahrenen paradoxerweise weniger offensiv als z.B. die Berufseinsteiger umworben. Berufserfahrene sind Know-How-Träger, sie haben bereits den Büroalltag erlebt und aus ihm gelernt. Diese Praxis macht sie für Unternehmen so wertvoll, doch das Praxissammeln dauert. Daher ist der erste Einwand, der von Unternehmen bei der Kombination der beiden Wörter „Social Media Recruiting“ und „Berufserfahrene“ oft kommt, dass diese Zielgruppe zu alt ist, um sie mit Social Media-Angeboten anzusprechen. Doch das ist ein fataler Trugschluss, der diese Unternehmen um einen hochrelevanten Recruiting-Kanal bringt.

Wie alt ist der typische Berufserfahrene?

Betrachten wir die für den Arbeitsmarkt besonders interessante Gruppe der Fachkräfte. Sie sind im Moment Mangelware auf dem Recruitingmarkt und deshalb doppelt interessant. Ab 27 Jahren kann man Fachkräfte i.d.R. zu den Berufserfahrenen zählen. Sie sammeln noch 2 bis 3 Jahre Berufserfahrung nach dem Studium, welches sie mit ca. 23 -25 Jahren abschließen. Bei einer strengeren Auslegung gelten Arbeitsnehmer im Durchschnitt spätestens ab einem Alter von 30 Jahren als berufserfahren.

Sind Leute ab 30+ wirklich desinteressiert am Social Web und können mit den Begriffen „posten“, „liken“ und „twittern“ nichts anfangen?

Das genaue Gegenteil ist der Fall: Eine Studie aus den USA im Jahr 2010 zeigt, dass gerade Leute ab dieser Altersgruppe besonders aktiv im Social Web sind. Die Altersgruppe zwischen 30 und 65 Jahren stellt sogar mehr als die Hälfte (ca. 63%) der Nutzer von Social Networks. Natürlich nimmt die Intensität der Nutzung immer noch mit dem Alter ab, doch die Gruppe der 30 bis 45 Jährigen, die Unternehmen bevorzugt abwerben wollen, ist in sozialen Netzwerken stark vertreten.

Netzwerk ist dabei natürlich nicht gleich Netzwerk. So ist der Altersdurchschnitt in Facebook z.B. deutlich jünger als in der Business-Community LinkedIn (s. Abb. 2 eingerahmte Balken). Diese Tatsache gibt bereits einen wichtigen Hinweis: Betreibt ein Unternehmen Recruiting auf sozialen Plattformen, muss es zunächst eine Strategie für die Positionierung festlegen. Ernsthaftes Berufserfahrenen-Recruiting über beispielsweise Facebook und Twitter, die den Nutzern v.a. zur Kommunikation mit Freunden und der Gestaltung der Freizeit dienen, ist kaum möglich. Nicht, weil die Zielgruppe auf diesen Kanälen nicht vertreten ist, sondern vielmehr, weil sie diesen Kanal nicht zur Kommunikation mit Unternehmen oder zur Jobsuche nutzen wollen.

Wie stark vertreten sind Berufserfahrene in Business-Communities?

Business-Communities, wie LinkedIn und XING, wurden dafür entwickelt, Geschäftskontakte zu pflegen und zu knüpfen. Sie haben daher eine hohe Leistungsfähigkeit für das Recruiting von Berufserfahren im Social Web.

Betrachtet man z.B. die in Deutschland beliebteste Business-Community XING, erkennt man schnell, welches Potenzial dieses in sich birgt. 70% der XING-Nutzer sind 30 Jahre oder älter und fallen somit überwiegend in die berufserfahrene Gruppe. Laut XING haben fast 60% der Nutzer das Abitur oder einen Hochschulabschluss. Zum Vergleich:  In der deutschen Gesamtbevölkerung sind es nur 23,5%. Auch das Karriere-Level seiner Nutzer hat XING dokumentiert, demnach sind 40,8% der Nutzer berufserfahren, gesondert betrachtet XING allerdings Manager (18%), Directors und Bereichsleiter (22,3%) sowie Geschäftsführer (11,7%). Addiert man diese drei Gruppen zu den Berufserfahrenen, bilden sie eine Einheit von 92,8%.

Für die Unternehmen ist das Social Web demzufolge ein kostengünstiger und zielgruppengenauer Kanal zur Gewinnung der heißbegehrten Berufserfahrenen.

Wie kann eine solche Umwerbung von Kandidaten aussehen?  

XING und LinkedIn sind zwei Kanäle, die sich für Personalmarketing gut einsetzen lassen, jedoch dienen sie als offene Social Media-Kanäle hauptsächlich dem Personalmarketing. Für einen noch bei einer anderen Firma angestellten Berufserfahrenen ist es dagegen wichtig, eine enge Bindung zu einem neuen Unternehmen „geschützt“ aufzubauen. Dafür eignen sich geschlossene, unternehmenseigene Recruiting-Plattformen besser. Eine solche Plattform kann man sich als ein eigenes soziales Netzwerk im Unternehmens-Design vorstellen. Der Network-Charakter ermöglicht den Berufserfahrenen unter anderem, Informationen vom Unternehmen zu erhalten, auf Dokumente zuzugreifen und direkten, persönlichen Kontakt zum Unternehmen zu pflegen. Diese Vielfältigkeit macht solche Plattformen bei den Nutzern so beliebt. Unternehmen können in der Plattform vor den Augen der Wettbewerber verborgen einen eigenen Talent Pool aufbauen.

Dadurch profitiert auch das Unternehmen von dieser Strategie: Die Einstellungskosten werden durch die Nutzung des exklusiven Talent Pools deutlich gesenkt, die Recruiting-Ziele werden besser und schneller erreicht und die Datenhoheit liegt  beim Unternehmen selbst und nicht bei einem Drittanbieter. Der wichtigste Punkt ist jedoch die frühzeitige Bindung des künftigen Arbeitsnehmers an das Unternehmen. Eben diese Bindung bietet eine Win-Win-Situation für Unternehmen und Berufserfahrene gleichermaßen.

Welche Strategien nutzen Sie zur Bindung der Gruppe der Berufserfahrenen und wie erfolgreich sind Sie damit?