Thank God I’m a Woman! – Frauen und Karriere

Vor unzähligen Jahren nahm ich am Children’s Day von Siemens teil. Sicher, der Tag war spannend, die riesigen Server-Räume und Büros der Entwicklung beeindruckend, doch vor allem eine Sache blieb mir im Gedächtnis: Wir waren keine Hand voll Mädchen.

Als nun das anonym veröffentlichte Buch einer Topmanagerin „Ganz oben – Aus dem Leben einer weilblichen Führungskraft“  auf meinem Tisch landete, flammten die Themen Frauen und Karriere segmentweise wieder für mich auf.

Wenig Frauen in Führungspositionen – schon bei der frühen Berufswahl enorme Unterschiede

Frauen und Karriere – oft ein schwieriger Weg

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen liegt in Deutschland bei ca. 8%, was nicht automatisch bedeuten soll, dass die deutsche Wirtschaft pauschal frauenfeindlich ist. Die ungleiche Verteilung beginnt schon viel früher, bei der Berufswahl: die häufigsten Ausbildungsberufe bei Mädchen sind noch immer im Hotel- oder Restaurantfach, in Arztpraxen oder im Einzelhandel. Jungen, die in schnelllebige Bereiche wie Industrie und IT einsteigen, haben durch die schnelle Entwicklung in diesen Branchen eine deutlich größere Chance, persönlich weiter zu kommen und höher aufzusteigen. Eine Kindergärtnerin aber bleibt eine Kindergärtnerin.

Der Ruf, frauendominierte Berufe besser zu bezahlen, wird lauter, dennoch – wird eine Arzthelferin je den gleichen Verdienst wie ein IT-Fachmann erreichen?

Auch die Hörsäle der zukunftsträchtigen Studiengänge wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die sogenannten MINT-Fächer, sind noch fest in männlicher Hand. Auch wenn zahlreiche Insitutionen versuchen Mädchen oder junge Frauen für diese Bereiche zu gewinnen – bahnbrechende Veränderungen bleiben aus.

Meine Kollegin Miriam Hill war schon während ihrer Ausbildung zur Fachinformatikern für Anwendungsentwicklung die einzige Frau in einer Klasse mit 20 Männern. Jetzt, in ihrem berufsbegleitenden Studium im Fach Wirtschaftsinformatik, sitzt sie mit einer (!) Kommilitonin unter 30 männlichen Studenten.

Mich konnte der Children’s Day damals nicht für ein Informatik Studium bewegen.

Die Topmanagerin kommt im Weltbild des Chauffeurs gar nicht vor – doch was ist Frauen im Job wirklich wichtig?

„Führungskräfte dieser Ebene können ebenfalls auf die Dienste von Fahrern zurückgreifen […]. Zum Kreis dieser Führungskräfte gehöre ich qua meiner Funktion im Unternehmen. Von den damit verbundenen Privilegien wusste ich allerdings jahrelang nichts. Bei Stellenantritt wurde ich darüber, sei es absichtlich oder unabsichtlich, nicht informiert.“

Für die Autorin des Buches ist dieser Fakt nicht weiter schlimm, denn sie hat ihren „Berufsalltag auch ohne Inanspruchnahme dieser Vorrechte ganz gut im Griff gehabt“ – eine Ansicht, die für Frauen sehr typisch ist. Anreize und Erfolgserlebnisse am Arbeitsplatz werden in erster Linie nicht durch finanzielle Vorteile geschaffen: Gefragt danach, was Erfolg im Beruf ausmacht, nennt etwas mehr als ein Drittel der Frauen Geld, 46% aber ein ausgeglichenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit. Die Work-Life-Balance wird nur noch durch gewünschte Anerkennung im Job getoppt (Quelle: Accenture Frauenstudie 2013).

Weiter ist Frauen ein gutes Verhältnis zu Arbeitskollegen und Vorgesetzten wichtig: 22% finden, dass Beziehungen das wichtigste Element der Arbeitsumgebung sind. Dem stimmen nur 12% der Männer zu. Auch eine angenehme Arbeitsatmosphäre ist Frauen mit 72% deutlich wichtiger als Männern (59%). Vielleicht machen diese Ergebnisse deutlich, warum sich einige Frauen in bestimmten Ebenen und Konstellationen nicht wohl fühlen: Die unter Männern häufig kühlere Stimmung und der forschere Umgang, passen oftmals nicht zu den Ansprüchen, die Frauen an ihre Arbeitsumgebung haben. Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“, das stellte schon Loriot fest.

Muss ein Kind das Ende der Karriere bedeuten?

„Herzlichen Glückwunsch! Freuen Sie sich denn? Ihren jetzigen Job werden Sie nie wieder machen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber mit Kind in Ihrer Position, das ist nicht machbar. […] Volkswirtschaftlich betrachtet, sei das Kinderkriegen selbstverständlich höchst wünschenswert, daneben entspreche es der natürlichen Bestimmung der Frau. Die ganzen ollen Kamellen eben.“

Die Buchautorin wurde mit der Aussicht auf einen Teilzeitjob auf Sacharbeiterebene, oder eventuell als Projektmanagerin, entlassen. Beide Optionen bedeuten einen enormen Abstieg – auch in finanzieller Hinsicht.

Über 80 % der Drei- bis Sechsjährigen in den OECD-Ländern werden täglich mehrere Stunden außerhalb der Familie betreut. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird vielfach als Vorbedingung der Geschlechtergleichstellung im Beruf und in der Kindererziehung angesehen. Wirkungsvolle Maßnahmen sind zudem unumgänglich, um der sinkenden Geburtenrate entgegen zu wirken.

Im internationalen Vergleich der Kinderbetreuung im Vorschulalter landet Deutschland mit Platz 11 nur im Mittelfeld.

Auf den obersten Plätzen rangieren vor allem die skandinavischen Länder sowie Frankreich. Schweden wird häufig als Vorreiter genannt: die staatliche, weit ausgebaute Kinderbetreuung ist ein wichtiges, gesellschaftspolitisches Anliegen – und jedem Kind garantiert. Die Betreuungskultur wird als öffentliche Aufgabe betrachtet und überwiegend öffentlich finanziert (nur 1% der Betreuungseinrichtungen wird von Arbeitgebern gestellt). 76% der Kinder im Alter zwischen einem und fünf Jahren  besuchen einen Kindergarten, die Hälfte davon ganztätig. 66% der Sechs- bis Neunjährigen suchen vor und nach der Schule eine Betreuung auf – ein Angebot, das die kommunalen schwedischen Behörden verpflichtet, Sorge zu tragen.

In Deutschland fehlen insgesamt 260.000 Kita-Plätze. In den großen Städten einen solchen Platz zu bekommen, entspricht ungefähr der Wahrscheinlichkeit, eine preisgünstige Wohnung mit Garten zu finden.

Die Verfasserin des Buches, eine Topmanagerin eines großen deutschen Unternehmens, gewährt uns spannende Einblicke in ihren Arbeitsalltag – meist allein unter Männern. Sie veröffentlichte das Buch anonym, da sie „negative Konsequenzen für ihre Karriere befürchtet“. Sicherlich klingen manche Stellen klischeehaft was Frauen und Karriere betrifft, doch andere lassen den Leser entsetzt zurück. Mir gefällt vor allem Anonymas Mut, reinen Tisch zu machen.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Lea-Sophie Samland