Recruiting auf offener Straße vs. Active Sourcing

Erst neulich ist es einer meiner Arbeitskolleginnen am Hauptbahnhof so ergangen – sie wurde von einem wildfremden Mann im Anzug angesprochen, ob sie nicht Interesse an einem Job hätte, da sie so sympathisch wirke. Keine Frage nach Qualifikationen oder derzeitigen Beschäftigungsverhältnissen. Der Mann war von einem Versicherungsunternehmen und steckte ihr seine Visitenkarte zu, um sich zu einem weiteren Gespräch zu verabreden.

Die Verwirrung war groß und sie lehnte dankend ab. Ihr kam diese Art des Recruitings doch sehr merkwürdig und unseriös vor.

Auch mir ist es vor längerer Zeit so ergangen, wodurch sich mir die Frage stellte: Ist Recruiting auf offener Straße die neue Art des Recruitings?

In den letzten Jahren entwickelte sich Deutschland immer mehr von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt.

Der Fachkräftemangel zwingt Recruiter zur aktiven Suche und Ansprache von passenden Kandidaten – auch Active Sourcing genannt. Dabei handelt es sich oftmals um High Potentials, die besonders gefragt sind. Dies geschieht zumeist in sozialen Netzwerken wie LinkedIn und Xing, in eigenen Talent Pools oder auf Lebenslaufdatenbanken. Damit erhöht sich das Potential an Kandidaten um fast 60%, denn nur rund 40% sind aktiv auf Jobsuche.

Active Sourcing Maßnahmen

Der Erfolg von Active Sourcing-Maßnahmen hat sich in den letzten Jahren bewiesen und wird von immer mehr Unternehmen erfolgreich eingesetzt wie z.B. BMW, BOSCH, Accenture etc.

Recruiting auf offener Straße scheint noch nicht so weit verbreitet zu sein. Bekannt ist diese Art des Recruitings vermutlich hauptsächlich bei Modelagenten, die hübschen vorbeigehenden Mädchen einen Vertrag anbieten. Während dies zumeist als große Ehre angesehen wird und helle Begeisterung bei dem Mädchen auslöst, haben andere Unternehmen eher Schwierigkeiten nicht als unseriös abgestempelt zu werden oder den Eindruck von „die haben es aber nötig“ zu vermitteln.

Viel öfter passiert es wohl, dass Business Connections auf Partys geschlossen werden. Der pauschale Small Talk am Anfang einer neuen Bekanntschaft zu Beruf und Leben bei einem Glas Bier, kann bei Interesse und Sympathie zu dem Entschluss des weiteren Kontaktverbleibs führen und nicht selten, wenn auch oftmals erst einige Zeit später, zu einem neuen Job. Als merkwürdig wird dies meist nicht empfunden.

Mein Fazit ist, dass Recruiting auf offener Straße funktionieren kann und der Erfolg lediglich an der richtigen Umsetzung liegt. Dabei sollte das Ziel jedoch nur ein weiteres Gespräch und kein Vertragsabschluss sein. Eine darauf folgende Aufnahme in einen eigenen Talent Pool, um systematisch weiterhin in Kontakt mit dem Kandidaten zu bleiben, ist für eine langfristige Bindung zudem sinnvoll.

Meine Empfehlung wäre eine Kombination des bereits bewährten Active Sourcing-Konzepts und dem Recruiting auf offener Straße. So ließe sich mit einem Karrierestand an einem öffentlichen Platz sicherlich genügend Aufmerksamkeit kreieren, um einen spezifischen Job erfolgreich zu vermarkten. Eine Variante, die mit dem richtigen Equipment und motivierten Mitarbeitern zwar aufwendig, aber aus meiner Sicht von Erfolg gekrönt sein wird.